Luxemburg zwischen den Traditionen

Die Bedingungen im Russischen Reich unterschieden sich grundsätzlich von denen in den anderen europäischen Ländern. Die Agrarfrage, die nationale Frage und Fragen der Organisation der politischen Arbeit stellten sich hier mit besonderer Schärfe. Um diese drei Fragen entspann sich eine mehrjährige Debatte, an der auch Luxemburg und Lenin beteiligt waren. Luxemburgs Text zur Russischen Revolution ist ein Beitrag in dieser Diskussion.

Für das Verständnis ihrer Positionen „Zur russischen Revolution“ ist zu berücksichtigen, dass Rosa Luxemburg mit drei verschiedenen Traditionslinien der sozialdemokratisch-kommunistischen Bewegung unmittelbar verbunden war: mit der polnischen, der russischen und der deutschen. In allen drei Bewegungen spielte sie eine wichtige Rolle. Darauf hinzuweisen ist wichtig, weil die Bedeutung der hier behandelten Schrift oft mit der Behauptung, dass Rosa Luxemburg die tatsächlichen Geschehnisse in Russland aus der Haft heraus nicht hatte überblicken können, herabgemindert wird. Rosa Luxemburg kannte die hinter dem Herangehen der Bolschewiki stehenden Vorstellungen und Strukturen sehr gut und war an den Diskussionen dazu aktiv beteiligt. Auch wenn sie bestimmte Details nicht gekannt haben mag (was letztlich auf alle an den Debatten Beteiligten im Ausland, allerdings auch in Russland selbst, einschl. Lenins, zutraf), so ist ihre Kritik also als Fortsetzung einer sich über etwa eineinhalb Jahrzehnte laufenden Auseinandersetzung in der europäischen Arbeiterbewegung zu lesen. Und noch eines ist wichtig – sie ist als Kritik im marxschen Sinne zu verstehen, nicht als Herabsetzung der Revolutionäre. Sie wendet sich dagegen, dass die Erfahrungen schematisch und kritiklos übertragen werden – und darin kann sie sich zu diesem Zeitpunkt mit Lenin einig sehen …

Das Russische Reich: Spätfeudal-kapitalistisches Imperium, Vielvölkerstaat, Bäuer*innenland

Das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital entwickelte sich im Russischen Reich aus Ausgangsbedingungen heraus, die sich von denen Westeuropas wesentlich unterschieden, mehr noch als die der westeuropäischen Staaten untereinander. Nicht nur, dass der Zarismus vor allem nach dem Sieg über Napoleon im 19. Jahrhundert die entscheidende Säule spätfeudaler Herrschaft war. Anders als in Preußen oder Österreich-Ungarn gab das politische und wirtschaftliche System Reformbestrebungen hin zu einer bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung kaum Raum. Es entstanden ein anderer Kapitalismus und ein anderes Bürgertum. Diese Entwicklung speiste sich auch aus einer anderen geistigen Tradition: Reformation und Aufklärung hatten in Westeuropa Prozesse in Gang gesetzt, die dem bürgerlichen Liberalismus und damit auch der Entwicklung der Arbeiter*innenschaft (1) hin zu einer selbständigen politischen Kraft eine andere Grundlage gaben.
Vor diesem Hintergrund blieb im Russischen Reich die BäuerInnenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der entscheidende Faktor, wenn es um Fragen der Überwindung des Zarismus und die Gestaltung einer „anderen“ (sei es eine bürgerliche, sei es eine sozialistische) Gesellschaft ging. Die BäuerInnen hatten sich in der russischen Geschichte immer wieder mit größeren wie auch kleineren Aufständen zu Wort gemeldet – und wurden immer wieder geschlagen. Der Versuch der Opposition in den Eliten des Imperiums selbst einen Kurswechsel hin zu einer liberaleren Ordnung zu erzwingen scheiterte schon 1825 mit der Niederlage des Dekabristenaufstandes. Die Opposition musste sich in publizistische Nischen zurückziehen, ins Ausland gehen – oder zu terroristischen Mitteln greifen, wie die Bäuer*innen zum Mittel des Aufstandes.
Die Unterdrückung konnte freilich die Verschärfung der Widersprüche in der russischen Gesellschaft nicht verhindern. Ein Reaktion darauf waren die Reformen im Jahre 1861, mit denen die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, ohne allerdings den Bäuer*innen das Land tatsächlich zu übergeben – sie blieben auf vielfältige Weise von den Grundherren abhängig. Mit der Auflösung der feudalen Bindungen entstanden neue, vom Kapitalismus geprägte Abhängigkeiten, ohne dass eine im westeuropäischen Sinne kapitalistische Landwirtschaft entstand. Viel stärker waren patriarchale und subsistenzwirtschaftliche Elemente mit damals modernen kapitalistischen Formen verwoben. Die Arbeiter*innen in der gleichzeitig entstehenden, ähnlich vielgestaltigen Industrie waren noch eng mit den bäuerlichen Wurzeln und dem Leben auf dem Dorf verbunden. Trotzdem begann sich in den 1880er Jahren die „Arbeiter*innenfrage“ von der „Bäuer*innenfrage“ zu lösen. Tatsächlich blieben trotz aller späteren Reformen das Russische Reich bis zu seinem Ende und die frühe Sowjetunion Bäuer*innenländer.

Besonderheiten der Sozialdemokratie im Russischen Reich

Die sozialdemokratische (was damals gleichbedeutend mit kommunistisch war) Bewegung in Russland musste daher der Agrarfrage einen viel höheren und anderen Stellenwert beimessen, als die westeuropäische. Sie sah sich mit anderen organisatorischen Bedingungen konfrontiert, da eine legale Arbeit, selbst im Schlepptau des liberalen Bürgertums (so entsteht die Arbeiter*innenbewegung in Deutschland) fast unmöglich war. Wie können – so die praktische Frage – unter diesen Bedingungen demokratische Forderungen in der Bewegung selbst nicht nur von der Gesellschaft gefordert, sondern selbst gelebt werden? Und was bedeutet der Kampf um die bürgerlich-demokratische Republik, wenn das Kapital auf das engste mit dem politischen System des Zarentums verbunden ist?
Das Russische Reich war ein Vielvölkerstaat, oft auch Völkergefängnis genannt. Im Laufe der Jahrhunderte hatte es sich durch Kolonialisierung und in verschiedenen Kriegen bis zum Pazifik ausgedehnt und dabei Völker und Völkerschaften mit sehr unterschiedlicher Lebens- und Produktionsweise, Kultur und Geschichte unterworfen. Eines dieser Gebiete war der östliche Teil Polens, wo Rosa Luxemburg geboren wurde. Unter den Bedingungen der Zarenherrschaft bedeutete jede Äußerung nationaler Eigenständigkeit potenziell ein politisches Bekenntnis gegen die russische Vorherrschaft. Nationale Selbstbestimmung, egal in welcher Form, war die Losung der in diesen Regionen entstehenden bürgerlichen Welt, die auch hier mit vielen Relikten feudaler Verhältnisse verquickt war. Da in den meisten von ihnen von einer Arbeiter*innenschaft, oder gar einer Arbeiter*innenklasse, kaum gesprochen werden konnte, stand für die Sozialdemokratie die „nationale Frage“ mit ganzer Schärfe: Sollte man strategisch die Forderung nach nationaler Selbstbestimmung unterstützen und damit die Ausgebeuteten in den entsprechenden Regionen den alten, nun aber vom Zarismus freien Herren „ausliefern“ oder sollten alle vor- und kapitalistischen Herrschaftsformen in einem Zuge beseitigt werden?
Russisch-Polen war dabei der wahrscheinlich am meisten industrialisierte Teil des Russischen Reiches – und verfügte damit über eine vergleichsweise starke Arbeiter*innenklasse. Das erklärt nicht zuletzt, warum sich die polnische Sozialdemokratie vor der russischen als Partei, besser gesagt in zwei Parteien, konstituierte. Der Bruchpunkt zwischen ihnen war die nationale Frage, genauer: Sollte im Mittelpunkt der Kampf um eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft in einer selbständigen polnischen demokratischen Republik (d.h. unter Einbeziehung der von Deutschland und Österreich-Ungarn besetzten Gebiete) stehen oder sollte es um den Sturz der Selbst- und Kapitalherrschaft im Russischen Reich in enger Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie im sonstigen russischen Reich gehen? Während die 1892 gegründete Polnische Sozialistische Partei (PPS) mit der Forderung der Schaffung einer polnischen demokratischen Republik die erste Option vertrat, sprach sich die kurz darauf unter Beteiligung Luxemburgs gegründete Sozialdemokratie des Königreiches Polen (kurz darauf auch Litauens) (SDKPiL)für die zweite Variante aus. Dahinter standen unterschiedliche Bewertungen der Konsequenzen der Betonung des Nationalen für die sozialdemokratische Bewegung generell. Die Diskussionen dazu erfassten nicht nur die russische und die polnische Bewegung, sondern auch (wegen einer durchaus ähnlichen Problemlage) die Sozialdemokratie in Österreich-Ungarn (das ja auch in die „nationale Frage“ in Polen verwickelt war), wo Otto Bauer sich damit auseinandersetzte.
Die Bedeutung dieser Frage zeigte sich darin, dass es wegen unterschiedlicher Auffassungen dazu nicht zur Vereinigung SDKPiL und der 1898 gegründeten SDAPR im Jahr 1903 kam. Aus dieser Zeit datiert auch der Streit zwischen Rosa Luxemburg und Lenin zur nationalen Frage. Lenin wollte sich zu diesem Zeitpunkt mit einer klaren Aussage der einen oder anderen Art nicht die Hände binden.
Außerdem wurden zu diesem Zeitpunkt unterschiedliche Auffassungen Luxemburgs und Lenins zur Organisationsfrage und zur Rolle demokratischer Elemente in der sozialdemokratischen Bewegung deutlich. Dies schlägt sich in der u.a. in den Aufsätzen „Organisationsfragen in der russischen Sozialdemokratie“ (Luxemburg 1904) und „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ (Lenin 1904) nieder. Diese Kontroverse bleibt über den Tod Luxemburgs hinaus ein, wenn nicht der wichtigste Punkt der Abgrenzung zwischen beiden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass beide gleichermaßen die komplizierten Bedingungen für den Kampf der Sozialdemokratie im Russischen Reich (zumal Luxemburg als Frau, Jüdin und Polin mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt war), die Probleme illegaler Arbeit wie auch die Potenziale legaler Formen politischer Betätigung kannten. Sie gewichten diese allerdings, vor allem mit Blick auf die eigene Organisation, unterschiedlich. Dass es sich bei den von Luxemburg und Lenin diskutierten Fragen um gemeinsame Probleme der internationalen Sozialdemokratie ging, zeigt sich darin, dass der erwähnte Text Luxemburgs in deutscher Sprache in der theoretischen Zeitschrift der SPD „Die Neue Zeit“ mit der redaktionellen Bemerkung publiziert wurde, dass „ähnliche Probleme der Organisation zurzeit unsere eigene Partei aufs lebhafteste beschäftigen.“ Im Zuge des „Revisionismusstreites“ und vor dem Hintergrund des wachsenden Gewichtes von Parteiapparat und Reichstags- bzw. Landtagsfraktionen in den parteiinternen Entscheidungsprozessen stellten sich unter anderen Bedingungen ähnliche Probleme.
Mit der Revolution von 1905-1907 erlangten diese drei Fragen, also die Agrarfrage, die nationale Frage und die Organisationsfrage, unmittelbar praktische Bedeutung. Luxemburg verfolgte den Verlauf der Revolution (zeitweise selbst in Warschau) in einer Vielzahl von Analysen, in denen sie die wirkenden sozialen Kräfte und die sich zwischen ihnen entwickelnden und verändernden Widerspruchsverhältnisse untersuchte. Sie betrachtete die Prozesse als eine Bestätigung ihrer Auffassungen.

Eine permanente Diskussion…

Im Kern knüpfte sie an dieser Stelle mit „Zur russischen Revolution“ ein reichliches Jahrzehnt später 1918 an. Kurz nach der Oktoberrevolution setzte in der deutschen Sozialdemokratie eine intensive Debatte über Charakter, Perspektiven und Lehren dieses Ereignisses und der anschließenden Entwicklungen ein. In der Zeitschrift „Sozialistische Auslandspolitik“ begann mit einem Beitrag von Karl Kautsky „Demokratie und Diktatur“ eine sich über mehrere Monate hinziehende Debatte unter linken Sozialdemokraten (vor allem Mitgliedern der USPD) über das Verhältnis zur Oktoberrevolution und die Politik der Bolschewiki. Kautsky hatte sich im Laufe des Krieges zunehmend gegen die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung und für einen gerechten Frieden positioniert, war in die USPD übergetreten und wurde dafür mit der Entlassung als Redakteur der „Neuen Zeit“, der von ihm gegründeten theoretischen Zeitschrift der SPD, bestraft. Es ging in dieser Debatte nicht abstrakt um eine Bewertung des Handelns anderer, sondern um die Konsequenzen dieses Handelns für die deutsche und internationale Arbeiter*innenbewegung. Das Manuskript Luxemburgs ist also nicht Produkt einsamen Nachdenkens über Revolutionen (wie schon kurz nach dem Erscheinen suggeriert wurde). Es ist vor allem ein Teil dieser Diskussion im Umfeld der USPD und der Spartakusgruppe, sowie einer langdauernden strategischen Debatte, an der nicht nur Lenin und Luxemburg beteiligt waren – und die, betrachtet man die Geschichte des 20. Jahrhunderts, unabgeschlossen geblieben ist.


(1) Zumeist wird für Arbeiterklasse und ähnliche Begriffe die männliche Form verwendet. Dadurch bleibt unsichtbar, dass Frauen in diesen Bewegungen aktiv waren, wenn auch oft unter erschwerten Bedingungen: So war es ihnen oft länger als Männern verboten, sich politische zu betätigen, journalistisch zu arbeiten, sich an Versammlungsorten aufzuhalten etc. Wir bemühen uns hier um eine Sprache, die die Vielfältigkeit der Bewegungen repräsentiert. Auch wenn sich dies vielleicht erstmal etwas ungewohnt liest.