Die „Sturmflut in den Jahren 1911 bis 1913“ in Russland

Luxemburg bezeichnet im 1. Kapitel ihrer Schrift die Revolution(en) des Jahres 1917 als „Frucht der internationalen Entwicklung und Agrarfrage“ und sie verweist auf die „Sturmflut in den Jahren 1911 bis 1913“ in Russland. Was meinte sie damit?

Die Zeit nach der Revolution 1905 bis 1907 war durch zunehmende Unterdrückung jeglicher Opposition und gleichzeitig wachsender Unzufriedenheit mit den Verhältnissen auf allen Seiten des politischen Spektrums in Russland geprägt: Die Reaktionäre waren mit den aus ihrer Sicht überzogenen Reformen unzufrieden, die Grundbesitzer erwarteten Förderung seitens der Regierung, die Unternehmer beklagten das Steuersystem und die Konkurrenz von Staatsbetrieben, die Intelligenz verurteilte Repressionen gegen akademische Einrichtungen, die Bauern forderten die Liquidation des Grundbesitzes (1910 bis 1913 kam es zu mehr als 13.000 Aufständen von Bauern) und die Arbeiter griffen immer öfter zum Streik als Mittel der Durchsetzung ihrer Interessen.

Die Auseinandersetzungen spitzten sich zu, als der Streik auf den Goldfeldern im Lena-Gebiet (April 1912) blutig niedergeschlagen wurde. Die Zahl der Streiks im Lande stieg von 222 im Jahr 1910 auf 466 (1912) und 1.671 (1913, Januar bis September), die der Streikenden im gleichen Zeitraum von 46.623 auf 725.491 und erreichte dann 678.564. Andere Quellen sprechen von jeweils über einer Millionen Streikenden. Dabei nahm die Bedeutung politischer Forderungen immer mehr zu: im Jahr 1913 erhoben 910 Streiks (vorrangig) wirtschaftliche Forderungen, 761 politische. Außerdem wuchs unter den Soldaten die Unzufriedenheit.

Diese Tendenz setzte sich auch 1914 fort. Die Streikwelle reichte von den Industriezentren Petersburg und Moskau bis nach Baku (Aserbaidschan) und Tiflis (Georgien). Zu den Forderungen der Erdölarbeiter von Baku gehörten: Erhöhung des Arbeitslohnes, Verbesserung der Ernährungs- und Wohnungssituation, Bau von Arbeitersiedlungen, Einführung des Achtstundentages, Abschaffung von (unbezahlter) Überstundenarbeit, die offizielle Anerkennung des 1. Mai als Feiertag, die Einführung allgemeiner Schulbildung u.a.

Die Situation, so hieß es in einer Rede im russischen Parlament (Duma) erinnere an den Vorabend der Revolution von 1905. Regierung und Unternehmer antworteten mit verschärftem Terror. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschob nur den Ausbruch der Revolution.