Die Agrarfrage in Russland

Im 3. Kapitel von „Zur russischen Revolution“ unterzieht Luxemburg die Agrarpolitik der Bolschewiki einer grundsätzlichen Kritik. Insbesondere moniert sie, dass nicht sofort sozialistische Verhältnisse auf dem Lande etabliert wurden, sondern mit der Übergabe des Bodens in die private Bewirtschaftung durch Einzelbauern „dem Sozialismus auf dem Lande eine neue mächtige Volksschicht von Feinden geschaffen“ worden sei. Um diese Behauptung bewerten zu können, muss man sich die Agrarverhältnisse in Russland vor Augen halten.

Die Agrarfrage ist im 19. und frühen 20. Jahrhundert die zentrale Achse der sozialen und geistigen Auseinandersetzungen in Russland. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die russische Linke von Anfang an gezwungen war, sich dazu zu positionieren. Im Kern ging es um die Frage, ob Kapitalismus überhaupt unter den russischen Verhältnissen möglich ist. Daraus leitete sich die Frage ab, wer die Hauptkraft der Überwindung des Zarismus sei und welche Richtung die Gesellschaft dann gehen solle. Waren die Bauern oder die Arbeiter das entscheidende, vorwärtstreibende Element? Sollten die patriarchalen Verhältnisse der Obščina (auch Obschina) oder die Fabrik als realistische Perspektive betrachtet werden?

Die Obščina war eine Form der Landbewirtschaftung, in der sich der Boden in Verfügung der Dorfgemeinschaft befand. Die Dorfgemeinschaft war Adressat der staatlichen Politik, der Steuererhebung usw. sowie der Leistungen für die Grundherren. Die inneren Verhältnisse regelte sie selbst. Dazu gehörte auch und vor allem die jährliche Umverteilung des Bodens unter den Gemeindemitgliedern bei gemeinsamer Nutzung von Wald und anderen Flächen, die Unterhaltung von Wegen u.a. Die Gemeindemitglieder bewirtschafteten auf dieser Grundlage ihre eigenen Höfe, setzten eigene Gerätschaften und Zugvieh, später auch LohnarbeiterInnen zur Bearbeitung der ihnen zufallenden Flächen ein. Das gewährleistete lange Zeit einen gewissen sozialen Ausgleich im Dorf. Daher ist auch von „ausgleichender Bodennutzung“ die Rede.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland (1861) hatte erst einmal die Dorfgemeinschaft, das heißt die gemeinsame Entscheidung über die Bewirtschaftung des Gemeindelandes durch die Gemeindemitglieder, und den Status der Großgrundbesitzer nicht angetastet. Die Bauern konnten sich nun durch Geld- oder/und Arbeitsleistungen aus der Abhängigkeit vom Grundherren „freikaufen“, Boden zur privaten Nutzung erhielten sie aber nicht.

Trotzdem setzte damit die Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft ein, denn die Bauern konnten und mussten nun zunehmend für den Markt produzieren. Diese Entwicklung wurde unterschiedlich bewertet. Die Volkstümler betrachten sie als „künstlich“, Kapitalismus sei wegen des ungeheuren Gewichtes der bäuerlichen Wirtschaften mit ihren naturalwirtschaftlichen Beziehungen und der damit verbundenen Enge des Marktes in Russland nicht möglich.

Dem stellten Georgi Plechanow (der erste russische Marxist) und dann Lenin die Marxsche Sicht entgegen. Lenin konzentriert sich in den ersten 10 Jahren seines Schaffens vor allem auf die Auseinandersetzung mit dieser Behauptung. Er zeigte, wie schon die geringen Anfänge der Produktion für den Markt dazu führen, dass die Bauern entweder zu Agrarkapitalisten oder proletarisiert werden. Die Obščina beginnt zu zerfallen, kann also nach Meinung Lenins kein Ausgangspunkt für die Überwindung des Zarismus und den Aufbau einer nicht- oder nachkapitalistischen Gesellschaft mehr sein. Der Klassengegensatz von Kapital und Arbeit entwickelt sich auch auf dem Lande – davon muss die Arbeit der marxistischen Sozialdemokratie auf dem Lande ausgehen. Dahinter stand die alte sozialistische Idee der Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land und der Unterordnung der Menschen unter eine ihre Persönlichkeit zerstörende Arbeitsteilung. Die Sozialdemokratie des frühen 20. Jahrhunderts, so auch Lenin und Luxemburg, ging davon aus, dass Industrialisierung und Sozialisierung aller Lebensbereiche der Weg in die Zukunft sei. Diese Vorstellung geht schon auf die sog. Utopischen Sozialisten und auch auf Marx zurück. August Bebel hatte neben verschiedenen Schriftstellern dieses Bild in „Die Frau und der Sozialismus“ (1878 erschienen) eindrucksvoll entwickelt. Lenin sieht sich in seiner Bewertung auch durch Karl Kautsky bestätigt, der 1899 sein Buch „Die Agrarfrage. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirthschaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie.“ veröffentlicht hatte. Praktisch zur gleichen Zeit veröffentlicht Lenin sein Buch „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland. Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie“. (vgl. Lenin 1956 [1899])

Bis 1906 war die Obščina als Kern der Agrarverhältnisse nicht angegriffen worden. Um der revolutionären Bewegung 1905 – 1907 die Spitze zu nehmen und das Land zu befrieden sollte im Rahmen einer Agrarreform (nach dem damaligen Regierungschef als Stolypinsche Reformen bezeichnet) eine neue massenhafte Schicht von Privateigentümern unter den Bauern geschaffen werden, nicht zuletzt um die soziale Basis des Zarismus, der Monarchie, zu erweitern. Woher aber das Land nehmen? Freilich war es nicht denkbar, dazu den Großgrundbesitz anzutasten. So wurde die Möglichkeit geschaffen, das Gemeindeland zu privatisieren – wodurch aber klar wurde, wie schwach die entstehenden Privatbetriebe sein würden. Diese Konstellation wurde von den Bauern erkannt, weshalb lediglich 26 Prozent der Bauern diese Möglichkeit nutzten und damit 22 Prozent des Bodens aus der Obščina entnommen wurde. Auch wenn nach den Reformen der Jahre 1906 bis 1911 die landwirtschaftliche Produktion stieg, ist nach Einschätzungen der Historiker das politische Ziel, die Schaffung einer neuen sozialen Basis für die Monarchie, nicht erreicht worden. (vgl. Bezborodov 2004, 45ff.)

Vor allem in der Nähe der Großstädte und in der Ukraine entwickelten sich in breiterem Maße tatsächlich kapitalistisch wirtschaftende Bauernwirtschaften. Diese Ansätze wurden aber durch den beginnenden Krieg offensichtlich weitgehend zerstört.

Im Jahr 1916 führte die zaristische Regierung dann die zwangsweise Eintreibung von Getreidelieferungen ein, wodurch die durch den Krieg ohnehin erschütterte Bindung der Bauern an die Monarchie weiter sank und die bevorstehende Revolution eine massenhafte Basis gewann. Diese revolutionäre Gefahr auf dem Lande wurde gesehen: In einer Resolution des Städteverbandes vom Dezember 1916 heißt es: „Der Städteverband ruft … alle organisierten Gruppen der Bevölkerung auf – die Städte, die Semstwo [Form ländlich-ständischer Interessenvertretung], die Landwirtschaft, den Handel, die Industrie, die Militärindustrie-Komitees, die Kooperative, die Arbeiter – sich vor allem zur Neuordnung der Lebensmittelversorgung zusammenzufinden …“ (Städteverband 1964 [1916], 90) Ein frommer Wunsch, der keine Bedeutung erlangte.

Gleichzeitig wurde aber mit diesen Maßnahmen der Gegensatz zwischen Land und Stadt gesetzt – denn die Zwangsablieferung war ja für die städtische Bevölkerung und für die Unterhaltung der Armee vorgesehen. Aus der Sicht der Bauern war die „Ernährungsdiktatur“ der Bolschewiki ab Mitte 1918 im Rahmen des Kriegskommunismus nichts anderes als die Wiederholung des Versuches der Errichtung der „Diktatur der Stadt über das Land“ unter dem Zarismus, zumal die Eintreibung der Abgabe in erster Linie durch „Städter“ realisiert wurde – nicht von Organen der Bauernschaft.

Nach der Februarrevolution wurde den Bauern eine Agrarreform versprochen, um ihnen Land zu geben und ihre Abhängigkeit von den Grundbesitzern zu beseitigen. Die Vorhaben der Provisorischen Regierung lösten aber diese Versprechen nicht ein. Im Oktober 1917 wurde ein Gesetzentwurf vorgelegt, der nicht nur keine entschädigungslose Enteignung der Grundbesitzer vorsah, sondern die Bauern auch noch zur Zahlung von Pacht für übergebene Ländereien verpflichtete. Fedor Stepun, ein eher aufgeklärt-konservativer antibolschewistischer Soziologe, in der Provisorischen Regierung 1917 Propagandachef des Kriegsministeriums, charakterisierte in seinen Memoiren den Hintergrund dieser angesichts der realen Lage der Bauern politisch und ökonomisch selbstmörderischen Position so: „In der Person von Kerenskij hatte die revolutionäre Demokratie einen überzeugten Kämpfer für die Staatsidee und einen glühenden Patrioten zum Premierminister gemacht, der seine wichtigste Aufgabe in der „Wiederherstellung des Verwaltungsapparates“ sah, durch den die einen zum Regieren, die anderen zum Gehorchen erzogen werden sollten. Aus dieser Gesinnung heraus schleuderte er, ohne seine Popularität zu schonen, den meuternden Soldatenmassen die Anschuldigung ins Gesicht, sie seien keine freien Bürger, sondern rebellische Sklaven.“ (Stepun 1961 [1943], 334) Und die „Soldatenmassen“ waren … Bauern.

Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung des Dekretes über den Boden unmittelbar nach der Oktoberrevolution nicht zu überschätzen. Es war eine politische Entscheidung, um die Bauern zu gewinnen – sie trug aber auch den ökonomischen Gegebenheiten Rechnung. Es gab schlichtweg keine Kraft, die eine verstaatlichte Landwirtschaft hätte organisieren können. Den Bauern musste die Möglichkeit gegeben werden, wieder Vertrauen in die eigenen wirtschaftlichen Fähigkeiten, wie auch in die „Städter“ und in jegliche Form von Staatlichkeit zu gewinnen. Das Dekret bezog sich auf einen „Bäuerlichen Wählerauftrag zur Bodenfrage“, der in der Tat an die Tradition der Obščina anknüpfte. Es sah in den Punkten 7 und 8 Verteilung und Bewirtschaftung des Bodens in der Selbstverwaltung des gesellschaftlichen „Agrarfonds“ (in anderen Übersetzungen „Bodenfonds“) auf lokaler Ebene vor. (Sowjetkongreß 1964 [1917], 317) Die Idee des Dekretes war nicht die einer „nachholenden Modernisierung“, also der Erzeugung einer Schicht landwirtschaftlicher Kapitalisten, es war auch nicht die eines „staatskapitalistischen“ Systems, wie es dann in der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP, mitunter auch NEP) ab 1921 realisiert wurde. (Die Neue Ökonomische Politik umfasste Maßnahmen, wie die Widerzulassung von Formen freien Handels, die Übergabe der Verantwortung der Betriebe und Arbeitskollektive für Aufwand und Ergebnisse ihrer Arbeit, Auszahlung der Löhne in Geldform, Schaffung eines eigenen Geld- und Kreditsystems, von Formen gesellschaftlicher Planung u.ä. bei straffer politischer Kontrolle durch Staatsmacht und Parteiorgane.) Indem das Dekret über den Boden auf die Eigeninitiative und die Kompetenzen der Bauern selbst setzte, entsprach es den politischen Gegebenheiten – dem tiefen Zerwürfnis zwischen Bauern und alter(!) Staatsmacht – und den ökonomischen Gegebenheiten eines kriegsruinierten Bauernlandes, in dem sich das Dorf auf die eigenen Ressourcen stützen musste, um die Stadt zu versorgen – da es keine anderen gab.

 

Quellen und zum Weiterlesen

Bezborodov, A.B., (Hrsg.) 2004. Istorija Rossii v novejschee vremja. 2. Aufl. Moskva: RGGU.

Lenin, W.I. 1956 [1899]. “Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland. Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie.” In Lenin Werke Bd. 3, 7-629. Berlin: Dietz Verlag.

Sowjetkongreß. 1964 [1917]. “Dekret über den Grund und Boden. Angenommen auf dem Sowjetkongreß vom 26. Oktober (8. November) 1917.” In Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki, hrsg. von Manfred Hellmann, 315-318. München: dtv.

Städteverband. 1964 [1916]. “Resolution über die politische Lage, angenommen vom Kongreß des Städteverbandes am 9. (22.) Dezember 1916.” In Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki, hrsg. von Manfred Hellmann, 89-90. München: dtv.

Stepun, Fedor. 1961 [1943]. Das Antlitz Rußlands und das Gesicht der Revolution. Aus meinem Leben. München: Kösel.