Viertes Seminar

Am 14.02.17 werden wir uns nun mit einem etwas längeren und komplizierteren Kapitel beschäftigen.

In diesem Kapitel geht es vor allem um die Agrar- und um die nationale Frage. Mit der Lektüre dieses Abschnitts begeben wir uns in ein Feld historischer und theoretischer Ungewissheit. Weder die Luxemburgsche, noch die bolschewistische Konzeption können für sich in Anspruch nehmen, in der Praxis ihre Richtigkeit bewiesen zu haben. Zur Agrarfrage: Die Landwirtschaft blieb immer der Schwachpunkt der sowjetischen Ökonomie – der Preis der Industrialisierung war das Hungern und Verhungern der Landbevölkerung. Bis zum Ende der UdSSR musste die Landwirtschaft immer wieder durch außerordentliche Maßnahmen gestützt werden. Zur nationalen Frage: Der Zerfall der UdSSR beginnt 1988 mit einem Krieg zwischen zwei Sowjetrepubliken (Armenien und Aserbaidschan) um Nagorny Karabach – ein bis heute ungelöster Konflikt…

Es handelt sich also um durchaus aktuelle Fragen, die wir zu diskutieren haben, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts unentschieden geblieben sind.

Man sollte also beim Lesen von vornherein kritisch herangehen – sowohl mit Bezug auf Lenin (bzw. die Bolschewiki) als auch auf Rosa Luxemburg. Und wenn Widersprüche in den Aussagen gefunden werden, sollten sie zuerst als Reflex von Widersprüchen in der Realität, als Herausforderung verstanden werden, erst in zweiter Linie als logische Widersprüche.

Hier einige Hinweise, die euch vielleicht beim Erschließen des Textes helfen.

  1. Man sollte davon ausgehen, dass Luxemburg beim Abfassen des Manuskriptes so gut über die Entwicklungen in Russland informiert war, wie jede/r andere Linke. Fehlende Informationen sollte man also nicht als Begründung für ihre Aussagen betrachten.
  2. Beim ersten Durchlesen sollte man bestimmen, in welche Teile das Kapitel zerfällt. Für die einzelnen Teile sollte man versuchen, jeweils eine Hauptfrage zu formulieren.

Dann sollte man beim Lesen vielleicht folgende grundsätzliche Fragen im Hinterkopf haben:

  1. Welche historischen Bezüge bleiben unklar? Viele der angeführten Ereignisse lassen sich auch mit Wikipedia recht zutreffend entschlüsseln. Beachtet bitte auch die Fußnoten!
  2. Welche Gedanken aus den ersten beiden Kapiteln greift sie auf – wo ist also der „Rote Faden“?
  3. Entsprechen die Ausführungen Luxemburgs den von ihr in den ersten beiden Kapiteln formulierten Maßstäben? Wo verletzt sie vielleicht diese Maßstäbe? Wo zeigen sich vielleicht Widersprüche?
  4. Von welchen an dieser Stelle nicht entwickelten Vorstellungen (etwa über die Natur einer sozialistischen Wirtschaft oder zur generellen Rolle des Nationalen) geht sie aus?

Im Seminar werden wir der Diskussion in Kleingruppen einen breiten Raum geben. Gut wäre es, wenn ihr eure offenen Fragen und die Punkte, die euch wichtig sind während der Lektüre fixiert und dann mitbringt. Das könnte die Diskussionen straffen und zielorientierter machen.

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